Lars von Trier | Regisseur


Begründung der Jury:

Der Bremer Filmpreis des Jahres 2008 geht an den dänischen Regisseur Lars von Trier. Er ist seit mehr als zwanzig Jahren eine Schlüsselfigur des europäischen Kinos - Erfinder und Visionär, Realist und Phantast, Anarchist und Dogmatiker.
Von Trier ist ein Mephisto des Kinos, der dabei stets zerstören will und doch das Neue schafft. Am liebsten erzählt er von der Verkommenheit der menschlichen Natur, vom Bösen, das er mit unverhohlenem Zynismus triumphieren lässt. Für Lars von Trier ist das Kino ein Gesellschaftsspiel, in dem die Zivilisation verlieren muss. Die Regeln und Formen dieses Spiels bestimmt er allein und für jeden Film anders, arrogant, autoritär, mit der Ungeduld eines verzogenen Wunderkindes. Von Trier respektiert nichts und zweifelt an allem. Er ist ein Ketzer ohne Glauben, ein Revolutionär ohne Utopie, ein Regisseur, der seine Kunstform ins Kreuzverhör nimmt und immer wieder aufs Neue an ihre Grenzen führt.
Sein Kino lebt von Widersprüchen, die Lars von Trier sich und seinen Zuschauern zumutet. Solange es ihn gibt, steht nichts still. Wenn der Bremer Filmpreis für Radikalität offen ist, dann muss Lars von Trier mit diesem Preis ausgezeichnet werden.

Die Jury:

Katja Nicodemus (Filmredakteurin »Die Zeit«)
Hans Helmut Prinzler (Filmhistoriker, bis 2005 Leiter des Filmmuseums Berlin)
Andres Veiel (Regisseur)

Der dänische Tausendsassa

Er wird allgemein als der Kopf hinter dem anhaltenden Revival dänischer Filme angesehen. Nicht zuletzt wegen seiner zentralen Rolle bei Dogma95 hat Lars von Trier bedeutenden Einfluss auf eine neue Generation von Regisseuren sowohl in seinem Heimatland als auch in der gesamten Welt. Sein Filmschaffen reicht von Avantgarde zur Re-Interpretation klassischer Genres und er entwickelte eine cinematographische Ausdrucksweise, die zugleich äußerst symbolisch und intensiv emotional war.

Lars Holbæk Trier wurde am 30.04.1956 in Kopenhagen als Sohn eines Beamtenpaares geboren. Sein Vater, jüdischer Herkunft, war zu Zeiten der deutschen Besatzung nach Schweden geflohen. Seine Mutter, die für das Dänische Sozialamt tätig war und sich später für Menschen mit Lernschwäche einsetzte, duldete keine Form von religiösem Glauben oder tiefen Emotionen im Alltag.
In seiner Kindheit litt Lars Trier unter verschiedenen Phobien und einem ausgeprägten Kontrollzwang. Bereits in dieser Zeit erwachte eine Faszination für das Filmemachen und er unternahm mit einer Super-8-Kamera, die ihm seine Mutter schenkte, erste Drehversuche. Mit zwölf Jahren besuchte er ein Tagesheilungszentrum, welches er später als eine „Irrenanstalt“ bezeichnete. Im selben Alter hatte er sein Schauspieldebüt in einer dänischen Fernsehserie für Kinder.
Nach der Schule begann Lars Trier 1976 ein Studium der Filmwissenschaften an der Universität Kopenhagen. Von 1979 bis 1982 absolvierte er die Dänische Filmhochschule und legte sich das Attribut „von“ zu seinem bestehenden Namen hinzu. Seine Abschlussarbeit Images of a Relief (1982), die sich mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus beschäftigt, wurde auf dem Münchner Filmfestival als bester Film des Jahres ausgezeichnet.

Lars von Trier etablierte sich sowohl in Dänemark als auch international mit der »Europa Trilogie«. Die zukünftigen Traumata eines Europas beleuchtend, ist die Trilogie durch einen persönlichen, experimentellen Stil geprägt. Die Trilogie besteht aus The Element of Crime (1984), Epidemic (1987) und Europa (Zentropa, 1991) 1991 wurde sein Film „Europa“ in Cannes mit dem Grand Prix de la Techniques und mit dem der besten Regie ausgezeichnet wurde und begründetet seinen internationalen Durchbruch.

Im selben Jahr begann er mit Niels Vorsel und Udo Kier das Filmprojekt »Dimensions«. Jährlich werden drei Minuten Film gedreht, die kompiliert 2024 fertig gestellt und präsentiert werden.

Im Jahre 1992 gründet Lars von Trier zusammen mit dem Produzenten Peter Aalbæk Jensen die Filmproduktionsfirma Zentropa, die heute als eine der erfolgreichsten in Dänemark gilt und mit dem Douglas-Sirk-Preis ausgezeichnet wurde.

Lars von Trier hat zwei TV-Produktionen gemacht: Medea im Jahr 1988 und The Kingdom I & II (Geister I & II) in den Jahren 1994 und 1997, letztere gemeinsam mit Morten Arnfred. Mit der Serie »The Kingdom« nach einem Roman von Stephen King, entwickelte von Trier eine Technik, die es ermöglichte, sich auf die Geschichte und die Schauspieler zu konzentrieren. Es war eine Einsicht, die ihn später das Dogma-Konzept entwickeln ließ. »The Kingdom« wurde hauptsächlich mit Handkamera gedreht, wobei er die üblichen Regeln von Licht, Continuity und Schnitt ignorierte, was in verzerrten Farben und körnigen Bildern resultierte. Die Serie wurde zu seinem ersten großen finanziellen Erfolg, auch international, und erlaubte es von Trier, sein nächstes Projekt zu finanzieren.

Im Jahr 1995 präsentierte Lars von Trier das Dogma95 Manifest mit seinem »Keuschheitsschwur«, das zehn Regeln des Filmemachens festlegte. Das Manifest war unterzeichnet von Lars von Trier und Thomas Vinterberg (Das Fest, Gewinner des Jurypreises in Cannes).

Die 1990er waren privat keine unbeschwerte Zeit für den Lars von Trier. 1995 offenbarte ihm seine Mutter auf dem Sterbebett, dass sein ‚Vater’ nicht sein wirklicher Vater ist. Die Begegnung mit dem leiblichen Vater verlief für Lars von Trier nicht gerade erfreulich. Auch seine erste Ehe wurde in dieser Zeit geschieden. Lars von Trier stürzte sich, nach Überwindung dieser privaten Krise, wieder in die Arbeit und arbeitete weiter an der »Golden Heart-Trilogie«, welche die Filme Breaking the Waves (1996), Idioten (1998) und Dancer in the Dark (2000) umfasst und thematisch auf dem dänischen Märchen »Goldherz« basiert, bei dem sich ein Mädchen stets für andere opfern will. Besonders »Breaking the Waves« und »Dancer in the Dark« waren sehr erfolgreich und erhielten zahlreiche Festivalnominierungen und Preise.

2003 startete Lars von Trier mit Dogville seine »Amerika-Trilogie«. Der Film wartete mit einer Starbesetzung auf, allen voran Nicole Kidman, und wurde von den Kritikern hoch gelobt. Der zweite Teil Manderlay, kam 2005 in die Kinos. Für 2008 ist Washington angekündigt.

Von Trier gab 2004 bekannt, dass er sich trotz zweijähriger Vorbereitung nicht in der Lage sehe, den Ring des Nibelungen wie geplant für die Richard-Wagner-Festspiele 2006 in Bayreuth zu inszenieren, da die Inszenierung des vierteiligen Stückes (ca. 16 Stunden Spieldauer) seine Kräfte übersteigen würde.

Anfang des Jahres 2007 teilte er der Öffentlichkeit mit, dass er wegen schwerer Depressionen die Arbeit an seinem Film Antichrist auf unbestimmte Zeit einstellen muss. Seit Herbst hat er die Arbeit wieder aufgenommen und den Kurzfilm Occupations fertiggestellt, der bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck gezeigt wurde. Zur Zeit dreht er einen neuen Film Washington.

Lars von Trier ist in zweiter Ehe mit Bente Froge verheiratet und hat aus seinen Ehen vier Kinder. Neben seiner Arbeit als Regisseur ist er auch ständig als Drehbuchautor tätig.