Film ab...

Am 7. Mai 1974 um 18.oo Uhr eröffnete im Cinema Ostertor ein kommunistischer Arbeiterfilm das Programm des Kommunalkinos: »Forum zur Selbstbefriedigung politisch Gleichgesinnter«, »Kommunales Kino spielt für jedermann«, »Bremen hat wieder ein Modell« - das Medienecho war geteilt. Ein Streit um die Subventionierung entbrannte.

Propaganda-Film

Filme »Zur Situation der Frau«, »Aus der Arbeitswelt«, »Aus der Psychiatrie« oder »Aus der dritten Welt«: In seiner Frühzeit erfüllte der Verein seinen satzungsgemäßen Auftrag, mit thematisch ausgerichteten Reihen den »gesellschaftspolitisch- und kulturpolitisch bedeutsamen Film zu fördern«. In den 80er Jahren professionalisierte sich das Kommunalkino, die Programme wurden publikumsorientierter. Ohne eine eigene Spielstätte musste das Kommunalkino ständig »fremdgehen«.

Heimatfilm

Nach fast 20 Jahren schafft sich das Kommunalkino 1993 im Medienzentrum Bremen ein Zuhause - das »Kino 46«. Endlich ein Vollzeitprogramm: 600 Langfilme in über 850 Vorstellungen pro Jahr, Vorträge und Live-Musik, jährlich wiederkehrende Festivals. Die Kompetenz des »Kino 46« ist gefragt in Bremens Kulturlandschaft - 80 Kooperationspartner zeugen davon. Die beiden »Schwarze Serie«-Stars des Wandbildes sollen die Zuschauer nach Walle locken, doch für viele Bremer bleibt es ein beschwerlicher Weg abseits der Kulturroute.

Reservat für das andere Kino

Filmkunst oder Kintopp? Das ist eine der Kardinalsfragen des Kinos. Die spektakulären, kommerziellen Studioproduktionen füllen die Kassen, während die ambitionierten, schwierigen Werke sich auf dem Markt nicht rechnen und deswegen kaum gezeigt werden. Die Filmkunst muss deshalb gefördert werden wie Theater, Oper und die bildenden Künste. Aber weil der Film dieses seltsame Zwitterwesen mit den Muskeln von Rambo, den Beinen der Dietrich und dem Kopf von Citizen Kane ist, hat er viel größerer Schwierigkeiten damit, in den Kulturetats der Städte berücksichtigt zu werden. Bei der Gründung des Bremer Kommunalkinos fuhren Politiker und Presse dann auch schwere Geschütze auf, denn es wurde von den »linksorientierten Gefolgsleuten« des Geschäftsführers vom »Cinema Ostertor« Gerd W. Settje ins Leben gerufen. Vor »ideologischem Missionarskino« warnte die sozialdemokratische »Bürgerzeitung«, die diesem »Forum zur Selbstbefriedigung politisch Gleichgesinnter« einen schnellen Tod prophezeite, weil »seine Programmmacher den wichtigsten aller Beteiligten falsch einschätzten: den Mann von der Straße«. Tatsächlich hatten die Gründungsmitglieder damals einen streng progressiven Anspruch, und in der ersten Vorstellung des »K.K. Bremen E.V.« lief am 7. Mai 1974 der programmatische Film »Kuhle Wampe« von Bert Brecht und Slatan Dudow. Im ersten Monatsprogramm mit den Abspielstätten »Cinema«, »Atlantis« und den »Mühlenberg-Lichtspielen« in Lesum gab es auch sonst eher fortschrittlich karge Kost mit revolutionären Werken aus Lateinamerika, Filmen über die Arbeitswelt, etwas Herzog und Bunuel und fürs Vergnügen gerade mal eine Komödie von Jacques Tati. Im nächsten Jahr wetterte so auch immer noch der Abgeordnete Wolfgang Maas von der CDU darüber, dass hier »in einem offenbar chaotisch-maoistischen Sinne zur Gesellschafts- und Systemveränderung beigetragen werden« sollte. Das Kommunalkino hat diese wilden Anfangstage überlebt und nach einigen Jahren waren dann auch die Zeiten der Arbeiterfilme und Umweltwochen vorbei. Die Basis und Hauptabspielstätte des Vereins blieb bis zum Umzug ins Medienzentrum Walle 1993 das Cinema im Ostertor, aber dort konnte das Programm immer nur zu den ungünstigen Zeiten zwischen 18.00 und 20.00 gezeigt werden, denn zur Prime Time ab 20.30 Uhr wollte das Kino natürlich selber mit seinen Filmen Kasse machen. Der Umzug nach Walle änderte fast alles.

Wilfried Hippen in »Foyer« anlässlich des 20. Geburtstags im November 1994

Action-Film

Scharfes Bild und bequeme Sitze sind selbstverständlich - doch das »Kino 46« ist mehr als ein Kino. Es bietet Ausstellungen und Performances, Konzerte, Lesungen und Kinderspielaktionen, die Präsentation kinematographischer Apparate der Frühzeit, Experimentalfilmprogramme im Museum und Open-Air-Vorführungen im Biergarten.

Dokumentar-Film

Ob shooting Star der Medienkunst oder Helden des Erzählkinos: ins »Kino 46« kommen sie auch gerne leibhaftig. SchauspielerInnen erzählen, RegisseurInnen erklären und FilmhistorikerInnen erläutern - persönliche Begegnungen bereichern das Filmerleben.

Wissenschafts-Film

1995 wurde der Film 100 Jahre alt. Das »Kino 46« und die Universität Bremen schenkten ihm zum Geburtstag ein Symposium. Seitdem diskutieren jedes Jahr Filmwissenschaftler auf hohem Niveau und mit großer Zuschauerbeteiligung über Starkult, Filmkritik oder die Zukunft des Kinos. Das Symposium wie auch die von den Veranstaltern herausgegebenen Bücher erfreuen sich inzwischen großen internationalen Renommées.

Autoren-Film

Stars des europäischen Kinos in Bremen, Leinwand-Glamour im Rathaus, ein Hauch von Hollywood weht über die Weser. 1999 vom »Kino 46« ins Leben gerufen, vergibt die Kunst- und Kultur-Stiftung der Sparkasse Bremen alljährlich den »Bremer Filmpreis«. Ausgezeichnet werden SchauspielerInnen, RegisseurInnen, AutorInnen, MusikerInnen, ProduzentInnen für langjährigen Verdienste um den europäischen Film.
Der Preis selber ist Konzept: eine »Tüte«, die jedes Jahr von einer Bremer Künstlerin bzw. einem Bremer Künstler bezogen auf den jeweiligen Preisträger/die Preisträgerin gefüllt wird.

Kontext statt Popcorn

Das Kommunalkino präsentierte sein Projekt CINEUM: ein Erlebnis-Museum für Film und Medien

... Karl-Heinz Schmid, Christine Rüffert und Alfred Tews vom Bremer Kommunalkino basteln schon seit einiger Zeit am Konzept eines neuen Film- und Medienzentrums herum. Als sie mit ihren Plänen im Frühjahr 2000 zum ersten Mal an die Öffentlichkeit gingen, schien die Idee von einem Gebäude, in dem Kinosäle, Museum, Kinemathek und Mediathek vereintsein würden, gelinde gesagt utopisch. Inzwischen wurden diese Visionen zu einem beeindruckenden und gut durchdachten Konzept entwickelt, und das merkt man nicht nur am neuen, viel eleganteren Namen »Cineum«.
... Der Architekt Hartmut Stechow entwarf ein sehr fließend organisch wirkendes Gebäude, das in der potthässlichen Faulenstraße ein sensationeller »Eyecatcher« wäre. Es wäre ein wirklich filmisches Filmhaus, denn eine schimmernde, transparente Folienverkleidung, die auch für Projektionen nach außen genutzt werden könnte, ist geplant und wäre nach Aussage des Architekten längst nicht so teuer wie sie aussieht.
... Die Planer sehen ihr Projekt als »Angebot an die Stadt«. Unbestritten ist, dass der Umzug von Radio Bremen nicht reichen wird, um das Faulenquartier zum lebendigen Medienzentrum zu machen. Das »Cineum« würde ideal passen, und das Kommunalkino hat einen guten ersten Schritt zu seiner Verwirklichung getan.

aus: Wilfried Hippen in der taz vom 29. August 2002